Wir müssen nur so fühlen wie wir fühlen
Das ganze letzte Jahr war ich wie gefangen. Gefangen in einer Schleife aus Bedauern, Hoffnung und Verzweiflung. Ich hatte an einer Idee festgehalten wie sowohl der andere als auch ich und unsere Beziehung sein sollen und was ich unbedingt „brauche“. Und dieses Festhalten an einem „perfekt“ hat es mir nicht wirklich 100%ig erlaubt, das zu sehen was ist. Und auch das zu fühlen was ist.
Dann kam durch eine liebe Freundin ein Lied zu mir, dass mich durchatmen lies und wo die Tränen nochmal anders fließen konnten: You don’t need to be perfect von Nash Blackwood.
Es fasst in simple Worte all das, was ich meinem Gegenüber sagen will, und das, was ich von ihm hören wollte, und das, worum es für mich in einer Beziehung geht. Im Grunde müsste ich hier einfach den gesamten Liedtext nur reinkopieren und alles wäre gesagt. Und dennoch werde ich versuchen, meine eigenen Worte dafür zu finden.
Denn das größte Hindernis in jeglichen Beziehungen (egal ob romantische oder nicht) sind all die inneren Grenzen, die wir bewusst oder unbewusst aufbauen, um uns nicht mit unseren tiefsten Ängsten auseinandersetzen zu müssen. Und meine Mission ist es, all diese Grenzen zu entdecken, und wenn sie mir nicht länger dienen, sie Stück für Stück niederzureißen
Alte emotionale Wunden
Alte emotionale Wunden und Traumata sind Erlebnisse, die nie vollständig abgeschlossen oder aufgelöst wurden. Daraus entstehen sehr häufig starke Glaubenssätze und Projektionen, wie die Welt und die Menschen sind und was wir tun müssen oder nicht tun dürfen, um den Schmerz dieses Erlebnisses nie wieder fühlen zu müssen. Wenn so eine alte, ungeheilte Wunde berührt wird, ist sie dadurch mit einer starken emotionalen Ladung verbunden.
Wenn wir mittendrin sind, ist es daher wie wenn wir emotional wieder in die Situation der ursprünglichen Wunde (meist aus der Kindheit) zurückkatapultiert werden. Wir sind dann 100%ig überzeugt, dass eine Situation genauso ist wie sie ist, und dass der Andere, ein Ding, oder „die böse Welt“ daran schuld sind, dass es mir so geht. Es fühlt sich so real an wie selten irgendwas anderes. Und in dieser Situation ist meist auch ganz viel scheinbare Klarheit da. Klarheit, dass sich nur was im Außen ändern müsste, und dann ginge es mir wieder gut.
Das ist wie wenn ich ärgste Verbrennungen hätte, und du streichst sanft mit einer Feder darüber, weil du nicht weiß, dass da Verbrennungen sind. Bei anderen ohne Wunde könnte sich das im besten Fall richtig gut anfühlen, und im schlimmsten Fall etwas unangenehm oder kitzlig. Aber nicht schlimm.
Für mich mit der Verbrennung kann es sich aber schnell so anfühlen, als hättest du doch von weiten sehen müssen, dass da eine Verbrennung ist. Und du musst doch auch wissen, wie sich eine Verbrennung anfühlt und was man daher machen darf und was nicht.
Und wenn du dann trotzdem mit der Feder darüber streifst, und es sich für mich natürlich anfühlt wie spitze Nadeln die alles wieder neu aufreißen und viel schlimmer machen, kann ich gar nicht anders, als dich zu verteufeln, wie schrecklich und böse das doch war, was du getan hast.
Meine Aufgabe in der Situation ist es aber, zu erkennen, dass du nicht Schuld an meiner Wunde bist, und dass es meine Aufgabe ist, mich um meine Wunde zu kümmern, anstatt dir Vorwürfe zu machen.
Die Krux ist das versteckte „aber“
Wenn ich als Person mit der Wunde die Situation aber nicht sofort richtig erkenne oder erkennen will, oder es noch zu schmerzhaft ist, mich damit zu konfrontieren und mir die Wunde anzusehen, und ich daher zuerst Mal verletzt reagiere, bevor ich dir irgendwann in Ruhe sagen kann, was ich brauche, kann das auch bei dir etwas auslösen.
Dann kann leicht ein (meist etwas trotziger) Gedanke kommen wie: „Ja, ABER er muss sich schon auch darum kümmern, seine Wunden zu heilen oder mir zu sagen, was er braucht. Ich bin nicht die böse!“. Dies ist dann das ein frustrierendes, aber meist sehr klares Anzeichen, dass da auch bei dir eine Projektion und ein Schmerz ist.
Vielleicht liegt es an der anderen Perspektive, vielleicht liegt es daran, dass es zu schmerzhaft wäre, wirklich bei sich selbst hinzuschauen. Aber es ist fast immer so, dass wir die Wunden des anderen leichter sehen können.
Doch selbst wenn es rein objektiv betrachtet vielleicht sogar stimmt, dass es für eine funktionierende Beziehung auch braucht, dass der andere seine Wunden selbst versorgt, so liegt es nicht an uns, zu definieren, ob und wann und wie er dies macht.
Dann gilt es, die Idee loszulassen, welche Beziehung mit welcher Intensität und Tiefe möglich wäre, und zu erkennen, was aktuell möglich ist. Dann können wir immer noch entscheiden, ob das dann noch für uns passt oder nicht.
Es ist aber kein Kampf mehr da. Kein Angriff auf den anderen. Dann können wir in Frieden gehen, oder den anderen in Frieden gehen lassen. Aber dieser Friede kommt erst dann, wenn wir genauer hinschauen, und sehen können, worum es eigentlich geht..
Wenn wir die Augen davor verschließen…
… sehen wir die Wunde vielleicht nicht mehr, aber sie ist immer noch da. Und sie tut immer noch weh. Wir wissen nur nicht, warum und wie wir was dagegen tun können. Und wir sehen auch nicht die Menschen um uns herum. Weder die, die kommen um Salz in die Wunde zu streuen, noch die, die Wundsalbe auftragen wollen. Dadurch wird sich alles als Angriff anfühlen und wahre Heilung kann nicht stattfinden.
Die Waffen niederlegen
Zunächst fühlen sich meist beide im Recht und nicht verstanden. Es kommt zu einem Stillstand und einer Sackgasse aus der wir nicht mehr herauskommen. Dann ist es notwendig, das „Recht haben müssen“ „und das „perfekt sein müssen“ loslassen zu können und stattdessen das zu fühlen was unter der Schuldzuweisung und Projektion in uns da ist.
Da ist dann meist Schmerz, Angst, Wut und/oder Trauer. Erst wenn wir an diesen ursprünglichen Gefühlen angekommen sind, und sie im Körper spüren können, hört der Kampf im Innen, und somit auch im Außen auf, und es kann Frieden in uns einkehren. Dann kann unsere Wunde heilen. Nicht perfekt, aber echt. Menschlich.
Der Frieden kommt nicht, indem wir alle Federn der Welt verbannen und niemanden mehr an uns heranlassen, sondern indem wir Wundsalbe verwenden, eine Zeit lang einen Verband als Schutz tragen, oder wenn es wirklich eine sehr tiefe Verletzung ist, vielleicht zum Arzt gehen, der es nochmal besser reinigen kann und Tipps für den Umgang und die Pflege der Wunde hat, damit sie gut heilen kann.
Da bleiben, wenn es weh tut und hart ist
Im Lied gibt es eine sehr wichtige Textstelle, wo es oft in Beziehungen scheitert: „And I don’t need you to fix me, I don’t need you to save my heart, I just need you when I’m breaking, to stay right where you are.“
Auch Simon Sinek beschreibt es sehr schön, wenn er sagt, dass wir einfach nur mit dem anderen im Schlamm sitzen müssen. Wenn aber etwa ich im Schmerz bin, und du durch diesen Schmerz deinen eigenen Schmerz spürst und wegläufst, was vielleicht dann bei mir auch wieder Schmerz auslöst, dann sind wir meist einfach nur beide alleine mit unseren Schmerzen und lernen, dass uns ja eh niemand helfen kann. Dann werden unsere Glaubenssätze darüber, dass die Welt, die Menschen, Männer, Frauen oder wer auch immer, so ist wie ich bisher dachte, verstärkt.
Wenn wir aber nicht weglaufen, sondern nur das Verhalten, das den Schmerz ausgelöst hat für einen Moment stoppen, und uns einfach nebeneinander hinsetzen, kann Heilung passieren. Dann können wir uns um unsere Wunden und deren bessere Heilung kümmern. Und zusätzlich sind wir echt und wahrhaftig miteinander da, was unsere Verbindung und das gegenseitige Vertrauen stärkt.
Dann zeigen wir uns schrittweise mit all unseren Wunden, und lernen die Wunden des anderen kennen. Dann können wir lernen, wie wir so miteinander umgehen können, dass die Wunden sogar besser heilen. Dann können wir die Wundsalbe für den anderen überall dort auftragen, wo er selbst nicht so gut hinkommt. Dann können wir die Hand des anderen halten, wenn es besonders weh tut, oder uns einfach nur nicht so alleine fühlen, weil wir wissen, dass der andere in ähnlichen Prozessen ist. Und irgendwann können auch erkennen, wie schön die Wunde verheilt ist, und selbst die Narben als schön erkennen. Denn sie erzählen die gemeinsame Geschichte.
Der Weg hindurch
Ich bin schon eine Weile auf meinem Weg der Heilung, und ich habe daher meinem System schon oft kommuniziert, dass ich auch die Dinge sehen will, und fühlen will, die sich so richtig schlimm anfühlen. Weil ich weiß, wie sich der Frieden und die Weite danach anfühlt.
Aber im Moment des Erlebens fühlt sich mein ganzer Körper an, als würde er zerbrechen. Es fühlt sich an, als wäre ich in mir selbst gefangen und wär mein eigener größter Feind, dem ich nicht entkommen kann.
Und diese Gefühle sind irrsinnig schwer für mich zu ertragen. Aber es ist wie Muskeltraining. Mit jedem mal komme ich etwas weiter, bis ich irgendwann den Klimmzug schaffe.
Manchmal, wenn es sich anfühlt, als würde ich an dem Prozess zerbrechen, dann frage ich mich, ob es nicht viel einfacher wäre, mich alleine in einer Höhle zu verkriechen und einfach aufzugeben. Dann glaube ich, dass all dieses schmerzhafte Wundsalbe auftragen oder Wunde reinigen eh nichts bringt außer viel weiteren Schmerz. Und dass ich diesen leichten Grundschmerz schon auch noch mein restliches Leben irgendwie aushalte.
Schließlich habe ich es bisher ja auch geschafft. Und so viele andere Menschen in dieser Welt laufen schließlich auch mit ihren Wunden durch die Gegend und regen sich auf, wenn jemand daran ankommt. Warum darf ich das nicht auch weiter so machen, und die Schuld den anderen oder meinen Umständen zuschieben?
In diesen Situationen hilft es mir, zu sehen, wo Wunden schon ein bisschen oder sogar ganz geheilt sind, weil ich mich damit auseinandergesetzt und nicht die Augen davor verschlossen habe. Und wie viel angenehmer mein Leben ist, seitdem ich nicht mehr in ständiger Angst vor irgendeinem Schmerz leben muss. Und wie viel bunter das Leben ist, seit ich meine Augen offen habe, und dadurch auch nicht nur die Wunden sehen kann, sondern all die anderen Dinge in der Welt.
Hoffnung, Bedauern und Verzweiflung sind das Gefängnis
Nach diesem letzten Jahr in meinem eigens gebauten Gefängnis aus Hoffnung, Bedauern und Verzweiflung habe ich nun die Tür gefunden. Den Schlüssel hatte ich ohnehin immer in mir. Jetzt gilt es, die Freiheit wieder neu kennenzulernen.
Denn auch wenn ich in meiner Projektion absolut davon überzeugt war, dass ich in dem Gefängnis bleiben muss, damit meine Beziehung funktioniert, kann ich jetzt sehen, dass genau dieses Gefängnis mich davon abgehalten hat.
Und ich kann auch erkennen, dass diese Beziehung nicht etwa die mit irgendjemand anderem ist, sondern vor allem mal die Beziehung mit mir selbst.
