Eine Gratwanderung zwischen Selbstfürsorge, Selbstrespekt, Scham und dem Allgemeinwohl
Auch wenn ich den Satz „Ich bin egoistisch“ schon einen Großteil meines Lebens nutze, ist er mir seit einigen Monaten immer mehr ins Bewusstsein gerutscht, wenn ich gesagt habe: „ich bin heute mal egoistisch und mache … xyz“. Da kamen dann so Sachen wie: „ … und schreibe an meinem eigenen Blog.“, „… und nähe mir einen Rock.“ oder „ … und nehme mir diesen Tag mal frei“ (nachdem ich seit Wochen oder länger so gut wie jeden Tag der Woche inklusive Wochenende gearbeitet hatte.
Diese doch ganz schön verzerrten Gedanken zeigen sehr schön, wie „egoistisch sein“ in unterschiedlichster Form vor allem in der „westlichen“ Gesellschaft oft als Waffe benutzt wird. Viel präziser wäre es, die Frage, aus welcher Intention heraus wir Dinge machen und was davon eventuell sogar ein Grundbedürfnis oder ein Wunsch ist, zu erforschen. Und genau das werde ich hiermit nachholen.
Selbstfürsorge
Bei der Frage, aus welcher Intention heraus wir bestimmte Dinge tun oder lassen, gibt es nicht nur egoistisch oder selbstlos. Auch wenn ich in meinem internen, sozialisierten System immer wieder auf eine dieser zwei zurückgeworfen werde.
Selbstfürsorge wird in den letzten Jahren immer mehr großgeschrieben als Gegenbewegung zur ständigen Selbstaufopferung. Dann heißt es, dass wir auch auf uns achten müssen, dass Rasten und Pause machen wichtig sind, und wir uns auch was Gutes tun sollten hie und da. Daran ist doch wohl nichts falsch, oder?
Naja… jein. Grundsätzlich stimmt es, dass wir alle Phasen der Aktivität und Phasen des Rastens benötigen. Solange es aber so dargestellt wird, dass es etwas besonderes ist, das wir uns hie und da mal, wenn wir „egoistisch sind“ diese Selbstfürsorge auch mal als Luxus gönnen dürfen, oder auch nur, dass es etwas ist, wo wir eine Begründung brauchen, dass wir jetzt mal rasten, uns reinigen, uns nähren (auf welcher Ebene auch immer), dann entsteht automatisch ein Ungleichgewicht.
Denn nicht viele würden sagen: „Jetzt gönne ich mir mal ein bisschen Aktivität oder Arbeit“. Oder auch wenn wir bereits 23 Stunden wach waren: „Jetzt gönne ich mir mal eine Stunde Schlaf und dann kanns eh gleich weitergehen.“
Selbstfürsorge war und ist eine wichtige Gegenbewegung zur ständigen Aktivität, um erst mal überhaupt auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Es ist aber nicht das, wo wir ultimativ landen wollen, wenn wir ein Leben im Gleichgewicht führen wollen..
Selbstrespekt
Vor ein paar Wochen habe ich in einer Runde über genau dieses Thema gesprochen, und davon geredet, dass ich „egoistisch bin“, und eine Kollegin brachte mir das wunderschöne Wort Selbstrespekt.
Selbstrespekt geht über Selbstfürsorge, Selbstlosigkeit und all die Nuancen davon hinaus. Denn Selbstrespekt macht nicht das eine oder andere (egal ob Aktivität oder Rasten) zu etwas Besonderem oder zur Selbstverständlichkeit. Es geht eine Ebene tiefer und betrachtet unsere grundlegende Einstellung zu uns selbst und unserem Selbstwert.
Wenn wir uns selbst respektieren und ehren, so wie wir es oft bei anderen tun, dann geht es darum, eine Balance zwischen Aktivität und Rasten zu finden. Dann ist es klar, dass wir schlafen müssen, wenn wir müde sind, essen müssen, wenn wir hungrig sind, und beitragen, kreieren und geben, wenn wir voll Energie und Inspiration sind. Dann ist jeder Schritt den wir tun aus Respekt zu uns selbst. Dann ist jeder Moment besonders und gleichzeitig auch ganz normal.
Was, wenn andere Hilfe brauchen?
Ein spezieller Fall ist, wenn ich konkret um Hilfe gebeten werde, und ich sehe , dass der andere sie auch wirklich braucht. Ist es dann nicht egoistisch zu sagen: „ich kann gerade nicht“ wenn ich einfach nur ein bisschen müde bin?
Hier ist es ein bisschen eine Gretchenfrage. Sehr gerne wird das Beispiel im Flugzeug mit den Sauerstoffmasken hergenommen. Eltern/Erwachsene sollen sich die eigene Maske zuerst aufsetzen, bevor sie sich um Kinder oder andere kümmern. Dies wird begründet damit, dass wir niemandem helfen können, wenn wir selbst nicht mit Sauerstoff versorgt sind. Was ist aber, wenn ich eh noch ein bisschen Sauerstoff habe, aber weiß, dass der andere etwa eine reduzierte Lungenkapazität hat? Wo hört der Selbstrespekt auf und beginnt der Egoismus?
Es ist vor allem schwierig, dies zu beantworten, wenn wir sehr stark darauf trainiert sind, sofort anderen zu helfen, ohne einen Moment inne zu halten um zu erkennen, ob die andere Person wirklich so hilflos ist, wie wir sie in unserem Kopf abgestempelt haben.
Retter – Opfer -Täter
Wenn wir uns als scheinbar selbslose Helfersehen, kippen wir in einen Retter-Komplex, wo wir uns selbst zu etwas Besonderem und etwas Besserem machen, weil wir uns nicht länger selbst als Opfer sehen wollen.
Dadurch nehmen wir sehr häufig dem anderen die Verantwortung nicht nur ab, sondern entreißen sie ihm förmlich. Dann wird eine scheinbar selbstlose, helfende Handlung zu purem Egoismus, da wir den anderen zum hilflosen Opfer machen müssen, damit wir uns gut und wertvoll und mächtig fühlen. Es kann in so einer Situation sogar leicht so weit kommen, dass wir anstatt zu retten, zum Täter werden, weil die andere gar nicht um diese Form der Hilfe gebeten hat, und es dadurch als Übergriffig wahrgenommen wird.
Das ist eine sehr gefinkelte Falle, da es sich für uns ja gut anfühlt, wenn wir Retter sein können, und es ja objektiv betrachtet vielleicht sogar wirklich auf kurze Sicht hilft..
Erst vor kurzem durfte ich mal wieder erleben, wie jemand mich zum Opfer machen wollte, um mir zu helfen, und wie unangenehm sich das in dem Moment angefühlt hat.
Früher hätte ich diese Aufmerksamkeit als positiv und unterstützend wahrgenommen, weil ich endlich in meinem Schmerz gesehen wurde. Aber sobald wir uns erlauben, unseren Schmerz selbst zu sehen und wahrzunehmen, und wissen, dass und wie wir damit umgehen können, sind wir in der Selbstwirksamkeit und müssen uns nicht mehr in die Opferrolle begeben, die nur einen kleinen Schritt davon entfernt ist, dass wir Energievampire werden..
Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit
Sobald wir uns daran erinnern, dass wir volle Verantwortung für unseren Beitrag übernehmen können (und auch müssen), ist es einfacher zu erkennen, dass wir auch niemals jemandem anderen deren Verantwortung für seinen Beitrag abnehmen dürfen.
Konkret heißt das, dass ich in Fällen, wo ich um Hilfe gebeten werde, im ersten Schritt (nachdem ich in mir geprüft habe, ob auch wirklich kann und will) Hilfe zur Selbsthilfe leisten versuche, damit andere in ihre Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit zurück finden.
Nur in den Fällen, wo es wirklich meinen aktiven Beitrag braucht (zB. wenn mehr als eine Person für eine Handlung gebraucht werden), und ich auch gerade die Kapazität und den Wunsch dazu habe, zu helfen, ich auch wirklich eingreife.
Und auch nur dann, wenn ich weiß, dass ich gerade eine dafür gut geeignete Person bin. Denn wenn ich grundsätzlich helfen kann und will, ich aber gerade übermüdet, selbst krank oder ähnliches bin, ist es meine Verantwortung, nein zu sagen. Dann kann ich im Zweifelsfall bei der Suche nach einer geeigneten Person helfen, aber mehr ist nicht nötig. Und wenn ich dafür keine geeignete Person bin, braucht es nicht mal das.
Was ist mit Kindern, älteren oder anders eingeschränkten Leuten?
Manche Situationen sind klar, dass wir – oder irgendjemand – helfen muss. Ein Neugeborenes kann sich nicht sebst um sein Essen kümmern, anziehen, etc. Eine ähnliche Situation ist es etwa bei bettlegerigen oder querschnittsgelähmten Menschen. Da stellt sich nicht die Frage, ob sie wirklich Hilfe brauchen. Es ist aber immer noch die Frage, ob wir es sind, die helfen müssen, oder ob es auch jemand anderes übernehmen kann, wenn wir die Kapazität dafür nicht haben. Denn im Idealfall gibt es immer auch ein Netzwerk an Menschen, die ebenfalls helfen können.
Wenn dieses Netzwerk wegbricht, oder über viele Generationen immer mehr erodiert ist, ist die Antwort auf die Frage von oben nicht mehr so klar. Eine alleinerziehende Mutter, die völlig überlastet ist, wird trotzdem ihr Kind füttern, solang es ihr noch irgendwie möglich ist. Diese und viele andere Situationen zeigen aber ein größeres, systemisches Problem auf, das meist nicht von heute auf morgen gelöst werden kann, und das mehr als nur uns selbst und die zu helfende Person(en) mit einschließt, und nicht mehr das Thema des heutigen Beitrags betrifft. Denn im Idealfall sind solche Situationen die Ausnahme und nicht die Regel.
Aber die anderen…
Situationen wie die eben beschriebene mit der alleinerziehenden Mutter können auch leicht Widerstand auslösen. Vor allem bei Menschen mit der Tendenz zu viel zu geben.
Dann kommen Gedanken wie: „Aber wenn nicht so viele andere so egoistisch wären (und es dann vielleicht sogar noch Selbstfürsorge nennen, obwohl es längst weit darüber hinaus geht), dann würde nicht alles auf meinen Schultern landen“.
Und das mag rein objektiv betrachtet sogar stimmen. Aber auch hier ist die Frage, warum wir weiter dieses Spiel spielen. Wo machen wir uns selbst auch hier wieder zum Opfer, Retter oder sogar Täter? Diese Frage ist nicht dazu gedacht, zu verurteilen, sondern vielmehr als Einladung, hinter den Vorhang zu blicken.
Denn nur wenn wir Gedanken und Muster, die uns nicht gut tun ernsthaft und ehrlich hinterfragen, können wir aus dem Teufelskreis aussteigen. Und manchmal muss ein System auch erstmal zusammenbrechen, um sich danach in Balance neu zu formen.
Unterm Strich bleibt aber immer die Frage, wofür wir uns eigentlich verantwortlich fühlen und warum. Wo wir vielleicht zu viel Verantwortung übernehmen, aber auch wo vielleicht zu wenig.
Gemeinschaftliches Denken und Ubuntu
Was in vielen Teilen Afrikas als Ubuntu bezeichnet wird, aber im Grunde in allen indigenen und naturverbundenen Völkern bis heute lebt ist ein gemeinschaftliches Denken.
Ubuntu kann sehr grob als „Ich bin weil wir sind“ übersetzt werden. Auch wenn das nur an der Oberfläche kratzt, geht es dabei darum, das Gemeinwohl der gesamten Gemeinschaft – auch über die menschliche Gemeinschaft hinaus – also alle Pflanzen Tiere, Pilze und anderen Lebewesen, aber auch die Felsen, das Wasser, die Luft und das Land mit zu berücksichtigen. Dann existiert kein Du oder Ich, sondern das Kollektiv ist, was zählt.
Es ist auch kein Kommunismus, wo dann doch irgendjemand oben an der Macht ist, und das Volk ausbeutet. Gemeinschaftliches Denken im indigenen Sinn hat immer das Land und alle die darauf leben im Fokus, und ist ein Kreis oder Netz, wo wirklich alle beteiligten gleich viel wert sind.
In so einem System könnte man als individualistisch denkender Mensch schnell mal Angst haben, zu kurz zu kommen. Ich hatte zumindest lange die Angst, wenn ich in Gemeinschaft ganz viel gebe, dann hab ich keine Kraft mehr, mich um mich selbst zu kümmern.
Durch meine Erfahrungen in der Wildnis mit kleinen Gruppen, die lernen mussten, gemeinschaftlich zu denken, konnte ich aber erkennen, dass ein extrem wichtiger Punkt der ist, sich selbst auch als Teil dieses Kollektivs, dieser Gemeinschaft, zu sehen.
Da ist Selbstrespekt genauso wichtig, und es ist auch wichtig, dass wir gut auf unsere eigenen Bedürfnisse achten, weil wir sonst irgendwann zur Last für die anderen werde. Es ist also aus dieser Perspektive viel egoistischer, uns „selbstlos“ um alle anderen zu kümmern, um uns selbst als die Heldin sehen zu können, nur um danach von der Gruppe aufgefangen werden zu müssen, weil wir ausgebrannt sind, oder den Körper zu stark überstrapaziert haben.
Wenn wir uns aus dem gemeinschaftlichen Denken heraus um unsere Bedürfnisse kümmern, dann wissen wir, dass wir das jetzt tun, damit wir gut versorgt sind, um im weiteren Schritt gut für die Gemeinschaft dazu sein.
Wenn etwa ein Baum „egoistisch“ ist, und sich Wasser und Nährstoffe, die er braucht, holt, um groß und stark und gesund zu wachsen, dann kann er ein viel besserer Lebensraum für viele andere Lebewesen sein, als wenn er ständig andere versorgt oder sich selbst zurücknimmt, weil es ja irgendwer brauchen könnte.
Gleichzeitig beinhaltet es aber auch ein gegenseitiges Vertrauen, dass wenn ich auf dich achte, du auch auf mich achtest, und insgesamt alle versorgt sind.
Was ist dann wirklich egoistisch?
Bei all diesen Erklärungen scheint es ja fast so, als wäre es fast gar nicht möglich, egoistisch im zerstörerischen, negativen Sinne zu sein. Das stimmt aber so auch nicht ganz.
Wenn wir etwa viel mehr nehmen, als wir wirklich brauchen, teilweise sogar mehr als uns selbst gut tut, dann ist das definitiv egoistisch im ursprünglichen Sinn (oder auch gierig).
Was wir wirklich „brauchen“ ist natürlich ein extrem relativer und dehnbarer Begriff, aber für jeden und jede, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen möchte, gilt es, ständig zu prüfen: Brauche ich das jetzt gerade wirklich? Was liegt vielleicht dahinter, was ich eigentlich brauche? Und: Was dient dem Gemeinwohl gerade am meisten?
Die Kernfrage
Auf meinem Weg zu mir selbst stoße ich immer wieder an solche Grenzen und solche Fragen. Dient es etwa gerade mehr dem Gemeinwohl, meine Familie bei aufkommenden Aufgaben zu unterstützen, oder ist es auf lange Sicht wichtig, meinen Weg weiter zu erforschen, um herauszufinden, wie gar nicht mehr so viele Aufgaben entstehen?
Die Antwort ist eine Forschungsreise
Wenn wir uns schwer tun bei der Frage, ob es nun egoistisch oder gerade wirklich dringend notwendig ist, dann gilt es, sich auf eine Forschungsreise zu begeben. Denn nur, wenn wir auch mal anders entscheiden als sonst immer, und es riskieren, „Fehler“ zu machen, und auch mal entweder ein bisschen egoistischer oder ein bisschen selbstloser sind, werden wir immer feiner merken, was davon wirklich gerade stimmt, und was nicht.
Ich habe mir dafür – nachdem ich einen emotionalen und energetischen Tiefpunkt erreicht hatte – einen ganzen Mondzyklus Zeit genommen, vollkommen „egoistisch“ zu sein, und mich überhaupt nicht um andere zu kümmern. Ich habe fast jeglichen Kontakt eingestellt, und war nicht mehr verfügbar.
Und es war ganz schön herausfordernd, nicht wieder aufzuspringen und irgendwas für jemand anderen zu tun. Und es war auch herausfordernd, mich mit Gefühlen des Versagens und unfähig seins auseinander zu setzen. Aber je länger ich mir wirklich die Zeit für diese Forschungsreise gegeben habe, desto klarer konnte ich spüren, wie wichtig es war, mich wieder tiefer in mir zu zentrieren, bei mir anzukommen, und nicht mehr länger vor wichtigen inneren Prozessen durch ständige Handlungen im Außen wegzulaufen.
Und innere Heilung, um in weiterer Folge bewusster zu handeln, und weniger unachtsam zugefügte Wunden und Schmerzen bei mir selbst und anderen zu verursachen, ist aus meiner Sicht alles andere als egoistisch…
