Du, ich, man, wir

Manchen von euch ist es vielleicht aufgefallen, dass ich beim Schreiben meiner Texte zu großen Teilen nicht über dich oder das sehr allgemeine „man“ schreibe. Hie und da erzähle ich eine persönliche Geschichte von mir, um persönlicher und präziser zu werden. Meist jedoch schreibe ich Beobachtungen über „uns“ – als Menschen, als Gesellschaft, als Kultur.

Das kann in manchen Menschen einen Widerstand auslösen, wenn ich über Dinge schreibe, die vielleicht einige Menschen betrifft, aber nicht genau diese Person. Und es stimmt. Dieses „Wir“ kann nie so präzise sein, dass es wirklich ausdrückt, wer damit gemeint ist und wer nicht. Dennoch ist es eine sehr bewusste Entscheidung von mir, in dieser Form zu schreiben.

Ich bin Teil von dir und allen anderen

Ich sehe mich nicht als getrennt von meinem direkten Gegenüber (in dem Fall, dir), oder anderen Menschen. Auch wenn wir alle, jeder und jede einzelne von uns eine zutiefst einzigartige Lebensgeschichte mitbringen, so sind wir doch alle miteinander verbunden, und können speziell auch dann in diese Verbindung eintauchen, wenn wir erkennen, dass wir alle im Kern die gleichen Emotionen und Gefühle kennen. Wir alle kennen Angst, Trauer, Wut, Freude, Verzweiflung, Sehnsucht und noch vieles mehr. Was in uns diese Gefühle auslöst, kann sehr unterschiedlich sein, und wandelt sich sehr häufig im Laufe unseres Lebens, da wir uns ständig weiterentwickeln. Dennoch sind diese Gefühle etwas, das uns auf tiefster Ebene miteinander verbindet.

Umgang mit unterschiedlichen Lebensrealitäten

Auch wenn wir alle bestimmte Gefühle kennen, so ist es dennoch so, dass jeder und jede von uns eine andere Lebensrealität hat und Dinge anders wahrnimmt. Und ich maße mir nicht an, wirklich zu verstehen, wie sich jemand fühlt, der in einer völlig anderen Lebensrealität wie meiner aufgewachsen ist oder lebt.
Wir können uns bemühen, die Lebensrealität von anderen zu verstehen, und auch zu akzeptieren, dass sie anders ist. Wir können versuchen, Gemeinsamkeiten zu finden, und uns darauf zu einigen, dass etwa die Farbe des Stammes einer Birke weiß ist, und die Farbe ihrer Blätter grün. Dennoch können wir niemals wissen, ob die andere Person all dies wirklich genauso wahrnimmt wie wir das tun.

Auch ist es eine besondere menschliche Gabe, sich in andere hineinzuversetzen. Völlig von der eigenen Lebensrealität loszulassen und in die eines anderen Wesens – egal ob Mensch, Tier, Pflanze oder Pilz – anzunehmen. Dadurch können wir lernen, mit dem anderen Wesen mitzufühlen. Und dennoch wissen wir nie vollständig, ob wir wirklich unsere Lebensrealität völlig losgelassen haben. Denn solang wir noch als selbst wahrnehmen, sind wir nicht der andere. Da wird es auch schnell mal nicht mehr so einfach, Worte zu finden, da ich persönlich es noch nicht erlebt habe, bewusst mein Selbst so völlig loszulassen, dass ich nur noch das andere Wesen war. Denn ich war auf irgendeiner Ebene immer noch ich…

Hierüber zu philosophieren würde hier aber zu weit gehen…

Es zeigt aber, wie wichtig es ist, zu erkennen, dass wir unsere eigene Lebensrealität haben, und gleichzeitig in die des anderen eintauchen können, und dadurch einen völlig neuen Blick auf die Welt bekommen können, aber dennoch (wahrscheinlich) nie vollständig zur anderen Person oder zu dem anderen Wesen werden können.

Zum „Wir“ werden

Auch wenn wir nicht oder meist nur sehr schwer unsere eigene Lebensrealität vollständig aufgeben können, ist es durchaus möglich, unsere Lebensrealität durch die der anderen zu erweitern, und zu einem „wir“ zu werden.

Wenn wir uns in andere hineinversetzen, können wir unsere Lebensrealität erweitern. Wenn ich beispielsweise mich in die Amsel in meinem Garten oder die Linde am Straßenrand hineinversetze, kann ich zumindest zu dem Grad in dem ich dieses Hineinversetzen geübt habe, meine Lebensrealität durch ihre erweitern.

Dann gehe ich durchs Leben und bemerke, wenn der Lebensraum eines bestimmten Wesens eingeschränkt wird. Oder wenn es sich darüber freut, Nahrung zu erhalten, oder wenn es um den Verlust von jemand oder etwas trauert. All diese Bedürfnisse sehen für jedes Lebewesen anders aus.

Dennoch kann ich meine Wahrnehmung und meine Lebensrealität zu einem „wir“ erweitern, und dieses „wir“ wird auch immer vielfältiger und weiter und nuancierter, je mehr ich in die Lebensrealitäten anderer bewusst eintauche und diese Fähigkeit auch trainiere.

Wenn das „Wir“ einen Widerstand auslöst

Dennoch kann es einen Widerstand auslösen, wenn irgendjemand über „wir“ spricht, und ich nicht in dieses wir mit einbezogen werden möchte. Dann finde ich ganz viele Gründe, warum ich mich hier aber abgrenzen muss. Weil ich bin ja auf jeden Fall kein Mörder, oder kein Menschenverachter oder was auch immer ich auf keinen Fall sein mag.

Dann bin ich aber immer in meinem „ich“ gefangen. Dann gehe ich von meiner individuellen Lebensrealität aus. Wenn ich aber dann den Schritt wage, und in eine Wir-Realität eintauche, dann bin auch ich ein kaltblütiger Mörder, weil ich schon so einige Gelse erschlagen, auf so einige Ameise oder Schnecke getreten oder so einige Tiere und Pflanzen gegessen habe. Denn nur weil ich den Akt nicht selbst ausführe, macht es mich dennoch zum Mittäter.

Wenn ich in eine Wir-Realität eintauche, bin ich vielleicht auch Menschenverachter, weil ich meine eigenen Bedürfnisse nicht genug achte, oder die Menschen verachte, die anderen viel Leid zufügen.

Daher ist zumindest meine Herangehensweise die, dass immer wenn jemand von einem „wir sind so oder so oder tun das oder jenes“ spricht, und ich einen Widerstand in mir wahrnehme, ich aus meiner individuellen Lebensrealität aussteige, und in eine gemeinsame Lebensrealität eintauche. Denn selbst wenn ich es nicht so wahrnehme, ist es ganz offensichtlich so, dass diese andere Person die Welt so wahrnimmt, und wenn es seine Lebensrealität ist, dann ist sie Teil von unserer gemeinsamen Lebensrealität.

Wenn man sich von sich selbst entfernt

Das neutrale „man“, wenn wir über allgemeine Dinge schreiben ist in der deutschen Sprache sehr üblich. Ich wähle es bewusst nicht, weil es uns automatisch von uns selbst und von anderen entfernt. Es macht die Geschichte so unpersönlich, dass sich niemand angesprochen fühlen muss, und es sowieso niemanden angeht, und niemanden betrifft, worüber ich schreibe.

Auch wenn es für manche Texte und in manchen Umständen wichtig ist, auch diese neutrale Form in der Sprache zu haben, passt sie dennoch zu keinem meiner Texte, da es mir bei meinen Texten im Kern immer um Verbindung geht. Und die kann ich nur aufbauen, indem ich von dir und mir und uns spreche.

Auch du bist Teil von mir und von allem

Ich habe oft das Gefühl, dass – vor allem wenn es um Marketing Texte oder auch blogs oder ähnliches geht – uns oft nahegelegt wird, dass wir die Leser doch direkt ansprechen sollen. Dennoch oder vielleicht genau deshalb halte ich mich meist zurück, dich direkt anzusprechen.

Immer wenn ich das tue, trenne ich mich von dir. Dann gehen wir nicht mehr gemeinsam den Weg. Dann gehe ich meinen Weg und du deinen Weg. Und auch wenn jeder von uns seinen eigenen Weg gehen muss, ist es dennoch so, dass wir immer miteinander verbunden sind. Ob wir es nun wollen oder nicht. Ob es uns bewusst ist oder nicht. Und auch egal, ob wir sehr eng verbunden sind, weil wir einen sehr ähnlichen Weg gehen, oder eher nur sehr lose verbunden sind, weil unser Weg uns in völlig unterschiedliche Richtungen führt.

Ich spreche öfter von mir als von dir, weil ich über mich mehr weiß als über dich. Über dich und dein Leben kann ich lediglich eine Menge Annahmen treffen, wo aber die Wahrscheinlichkeit hoch sein kann, dass sie nicht stimmen.

Außerdem kommuniziert es oft auch eine Hierarchie. Dann sage ich indirekt, dass ich anders bin als du. Dass ich entweder besser oder schlechter bin. Dass du entweder weiter oder weniger weit bist. Und das wirft mich wieder auf meine individuelle Lebensrealität zurück, in der ich mich aber meist einsam und alleine fühle.
Wenn wir aber gemeinsam unseren Weg gehen, dann ist in einem Aspekt der eine stärker, und in einem anderen Bereich die andere. Aber wir sind dennoch gemeinsam unterwegs.

Warum das Wir so wichtig ist auf dem Weg der Heilung

Wenn wir als Gesellschaft, als Menschheit, als Wesenheit auf dem Weg der Heilung sind, ist sowohl ein klares Erkennen der Abgrenzung von ich und du, als auch ein klares Erkennen der immer vorhandenen Verbindung unseres Wir ein wichtiger Schritt.

Nur wenn wir lernen, auch gemeinsam einen Weg zu finden, der für alle passt, haben wir eine Chance auf eine „bessere“ Zukunft (was auch immer das heißen mag). So sehr es auf der Heilungsreise vielleicht notwendig ist, in die Selbstermächtigung zu gehen, und zu erkennen, was wir alles selbst in der Hand haben, so ist es genauso wichtig, zu erkennen, dass wir uns dennoch alle gegenseitig beeinflussen und miteinander verbunden sind. Ob wir es nun wollen oder nicht. Und auch ob wir es gerade wahrnehmen oder nicht.

Du, ich, man, wir
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Elisabeth Demeter

Wenn du das Gefühl hast, dass du es nicht alleine machen möchtest oder kannst, wende dich gerne an mich. Ich unterstütze Menschen, die sich verloren und hilflos fühlen, dabei, durch die Verbindung mit der Natur, Körperbewusstsein und einen systemischen Ansatz ihre innere Stimme wiederzufinden und ihr zu folgen. Wenn das mit dir resoniert, melde dich bei mir (), und wir schauen gemeinsam, ob ich dich in irgendeiner Weise unterstützen kann – entweder selbst oder indem ich dich an jemanden weiterverweise, der besser zu dir passt.

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