Vive la Resistance

Selbstbestimmung durch innere Arbeit und äußeres Handeln

Als ich vor kurzem durch meinen „News“-Feed gescrollt habe, hab ich bemerkt, wie ich mich frustriert, hin- und hergerissen und in gewisser Weise gelähmt gefühlt habe, in Bezug darauf, was andere aktuell für notwendig halten zu tun oder nicht zu tun. Es scheint, als würden zwei Botschaften das Bild dominieren: „Kämpfe!“ und „Finde inneren Frieden.“ Beide fühlen sich richtig an. Beide haben mich aber auch irgendwie in Hilflosigkeit gefangen gehalten. Dann hab ich inne gehalten und mich gefragt: „Was fehlt mir, um aus dieser Starre herauszukommen?“

Was zum Teufel passiert gerade?

Wir befinden uns in einem weltweiten Druckkessel, der bei vielen das Gefühl hervorruft, sich im Krisenmodus zu befinden – noch mehr als in der Vergangenheit, wo es sich ohnehin schon so anfühlte. Viele von uns fühlen sich hilflos, wenn sie all das betrachten, was gerade geschieht. Die Kriege, die Unterdrückung, der Hass, die Gewalt. Und es rückt immer näher an unsere Haustür. Es ist also mehr als verständlich, dass wir nach anderen suchen, nach Führungspersönlichkeiten in der einen oder anderen Form, die uns den Weg weisen und sagen, was wir tun sollen. Aber es gibt viele verschiedene Stimmen, manche lauter als andere, und es ist heutzutage schwer zu wissen, auf wen wir hören und wem wir vertrauen soll.

Es gibt eine Gruppe von Menschen, die uns derzeit klarmacht, dass wir uns erheben und nicht tatenlos zusehen dürfen, denn wir befinden uns mitten in einer Zeit, in der sich die Geschichte wiederholt (und wahrscheinlich noch verstärkt). Wir müssen Widerstand leisten! Wir müssen „das Böse bekämpfen“! – Und sie haben nicht Unrecht.

Aber dann gibt es jene im „erleuchteten“ oder „spirituellen“ Bereich, die uns sagen, dass wir zuerst den Krieg in uns loslassen müssen, und es mag so klingen, als würden sie uns raten, äußerlich nichts zu tun. Denn wenn wir kämpfen, unterstützen wir damit nur den inneren Krieg. Im Grunde sollten wir also meditieren und inneren Frieden finden. – Und auch sie liegen nicht ganz falsch.

In all dieser Verwirrung fühlen wir uns vielleicht überfordert und wissen nicht, wo wir anfangen sollen oder auf wen wir hören sollen. Aber es gibt einen wunderbaren Rahmen, der uns helfen kann, all das zu verstehen.

Arbeit, die rückverbindet

Dieses Konzept wurde von Joanna Macy entwickelt, das sie als „Arbeit, die rückverbindet“ bezeichnet. Es umfasst drei Dimensionen des Wandels:

  1. Maßnahmen, um die Schädigung der Erde und ihrer Lebewesen zu verlangsamen
  2. Analyse struktureller Ursachen und die Schaffung struktureller Alternativen
  3. Bewusstseinswandel

Es scheint also, dass die erste Dimension durch die Stimmen abgedeckt ist, die dazu aufrufen, aufzustehen und zu kämpfen, und die dritte durch diejenigen, die sagen, man solle sich auf den inneren Frieden konzentrieren. Was wir jedoch in dieser speziellen Situation tun können, was die zweite Dimension betrifft, höre ich zumindest in meinem Umfeld nicht viel darüber. Deshalb werde ich versuchen, einige Gedanken dazu zu formulieren, was wir als Einzelne tun können, um unseren Anteil an den strukturellen Ursachen und unseren Anteil an der Schaffung struktureller Alternativen zu analysieren. Diese Strukturen beginnen in uns selbst.

Strukturelle Ursachen sind einerseits unsere Kulturen, unsere Regierungsstrukturen und die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten – wo wir leben und wo wir arbeiten und wie weit diese Orte oft voneinander entfernt sind.

Andererseits sind strukturelle Ursachen aber auch die Art und Weise, wie wir in jedem Moment denken, fühlen und handeln. Wie wir es von unserer Umgebung gelernt haben und es vielleicht nie hinterfragt haben. Oder selbst wenn wir angefangen haben, es zu hinterfragen, gibt es so viele Ebenen zu entschlüsseln, dass es manchmal schwer ist, unsere blinden Flecken zu erkennen.

Um strukturelle Alternativen zu schaffen, müssen wir also, wie bereits erwähnt, auch all die verschiedenen übergeordneten Strukturen betrachten, was eine große Herausforderung ist. Aber meiner Erfahrung nach beginnt alles damit, wie wir uns innerlich fühlen. Denn ja, wir können wirklich schöne Projekte auf die Beine stellen, die Menschen helfen, wieder auf die Beine zu kommen, gesehen zu werden und sich unterstützt zu fühlen.

Aber wenn dies auf Kosten unseres eigenen Wohlbefindens geht und unserer eigenen Angst, nicht gut genug oder würdig genug zu sein, um das zu verdienen, was wir anderen geben, ist es nicht nachhaltig. Es wird unweigerlich dazu führen, dass wir zusammenbrechen und dann jemanden brauchen, der sich um uns kümmert. Was ich also vorschlage, ist, zunächst unsere eigenen Muster – unsere inneren Strukturen – zu betrachten und alternative Wege zu finden, aus Liebe zu handeln und erfüllt zu sein, anstatt aus Angst oder Mangel zu handeln.

Hier sind vier Schritte, die ich auf diesem Weg der inneren Umstrukturierung als hilfreich empfunden habe:

1. Unsere Ängste erkennen und ihnen begegnen

Das bedeutet, sowohl die großen und offensichtlichen Ängste wie die Angst um unser Leben, das Leben unserer Liebsten, unseren Lebensunterhalt usw. zu betrachten als auch die subtileren Ängste, nicht dazuzugehören, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu handeln usw.

Viele von uns haben auch Angst vor der Ungewissheit und suchen nach jemandem, der uns sagt, was wir tun sollen, damit wir uns beruhigen und sagen können: „Aber mir wurde gesagt, ich solle eine Petition unterschreiben. Das habe ich getan, also bin ich ein guter Mensch. Und bitte bestätige mir, dass ich ohnehin nicht mehr hätte tun können.“ Dies zeigt unser Gefühl der Hilflosigkeit sowie unsere Ängste, nicht genug zu tun oder zu sein, etwas Falsches zu tun und möglicherweise aus unserem Freundeskreis ausgeschlossen zu werden.

Aber wenn wir etwas nur deshalb weiter tun, weil wir glauben, dass es von uns verlangt oder erwartet wird, sind wir wie ein Arbeiter, der so tut als sei er beschäftigt, wenn er den Chef um die Ecke kommen sieht, aber den Rest der Zeit faul herumhängt ist.

Stattdessen sollten wir uns vielleicht der Unbehaglichkeit stellen, uns zu fragen: Stimmt es wirklich, dass ich nicht mehr hätte tun können? Oder war es vielleicht zu viel? Oder war es überhaupt das Richtige für mich?

Und was war meine Absicht dabei? Wollte ich diese Menschen glücklich machen oder anderen erzählen können, dass ich „etwas getan habe“? Oder habe ich es tatsächlich aus Liebe oder Freude getan und suche nur nach einem Fehler, wo gar keiner ist?

2. Unser eigenes Gefühl der Selbstwirksamkeit zurückgewinnen oder entwickeln

Das kannst du tun, indem du diese Ängste auf ihre Realität hin überprüfst:

  • Woher kommen sie?
  • Sind sie in diesem Moment wirklich wahr?
  • Wovor haben wir eigentlich Angst?
  • Vor wem haben wir eigentlich Angst?
  • Inwieweit machen wir andere zu Bösewichten, obwohl dies möglicherweise unbegründet ist? (z. B. Menschen, die anders denken, anders aussehen oder sich anders verhalten, als wir es gerne hätten)

Wenn wir uns über diese Fragen klarer werden, finden wir vielleicht einen Weg, unseren Ängsten nicht blind zu folgen, sondern aus diesem Kreislauf auszusteigen und zu entdecken, dass es vielleicht gar nichts gibt wovor wir Angst haben müssen oder dass sich die Angst auf etwas ganz anderes bezieht. Auf diese Weise können wir unser Handeln auf die Wurzel dessen ausrichten, woher wir kommen, und Wege aus der Angst finden, um kleine, umsetzbare Schritte aus ihr heraus zu machen.

3. Wieder zu uns selbst finden

Sich mit diesen Ängsten auseinanderzusetzen, kann anstrengend sein. Aber es hilft uns auch, den Weg zurück zu uns selbst zu finden. Das können wir tun, indem wir unser Nervensystem mit einer Methode beruhigen, die bei uns in der Vergangenheit schon einmal funktioniert hat, oder auch etwas neues probieren. Hier sind einige Vorschläge:

  • Zeit in der Natur verbringen
  • sich gemeinsam mit einer anderen Person beruhigen (umarmen, kuscheln usw.)
  • sich mit Freunden oder der Familie (über unsere Gedanken und Ängste) austauschen
  • meditieren
  • einen Psychotherapeuten, Lebensberater oder ähnliches aufsuchen

Sobald wir unser Nervensystem beruhigt haben, verfügen wir über viel mehr Kraft und Handlungsfähigkeit und können aus der Perspektive des Erwachsenen handeln, der wir sind, und nicht aus der Perspektive des kleinen Kindes, das sich möglicherweise hilflos, verlassen oder unsicher fühlt. In dieser Phase gewinnen wir unsere innewohnende Kraft und Stärke zurück.

4. Hören auf das, was wir tatsächlich tun können und wozu wir berufen sind

Wenn wir zentriert sind und uns unserer Ängste bewusster werden,

  • lassen wir uns nicht mehr von unserer Angst oder Reaktivität beherrschen
  • können wir darauf hören, was unsere Aufgabe, unsere Rolle in dieser Situation ist, und entsprechend handeln

Wenn wir uns unseren Ängsten stellen und unsere Handlungsfähigkeit zurückgewinnen, hören wir auf, dieselben Muster aus Angst, Spaltung und Reaktivität zu reproduzieren, die genau jene Systeme nähren, die wir verändern wollen. Innere Arbeit ist nicht von strukturellem Wandel zu trennen – sie ist die Grundlage für nachhaltiges Handeln.

Denn wenn sich die Motivation für unser Handeln von Angst oder Hass zu Freude oder Liebe wandelt, können wir, die es tun, dies spüren, und auch andere können es spüren. Dann werden die neuen Strukturen, die wir in Gesellschaft, Kultur, Regierung und Arbeit aufbauen, mit einer anderen Intention umgesetzt und bringen den Menschen, die sie gestalten, mehr Freude, was auch den Menschen zugutekommt, für die wir es tun.

Was bedeutet das nun in unserem aktuellen Kontext?

In einer Situation, die von Chaos und Umbrüchen geprägt zu sein scheint, ist es wichtig, diese vier Schritte zu durchlaufen und uns dann die entscheidende Frage zu stellen:

Wozu fühlst du dich innerlich berufen? – Wenn niemand zuschauen würde?

Die Antwort kann dann zu einer der drei Dimensionen der „Arbeit die Rückverbindet“ führen, die von Joanna Macy beschrieben wurden. Dann – wenn wir dazu berufen sind – können wir immer noch natürliche Wut empfinden, die aus der Liebe zu anderen entsteht, und zu einem friedlichen Krieger werden, wie wir es nun schon einige Male gesehen haben, als die amerikanischen Ureinwohner für ihr Land eintraten (wie etwa bei Standing Rock).

Oder wir fühlen uns dazu berufen, daran zu arbeiten, neue Strukturen im Außen zu schaffen – in der Gesellschaft, der Kultur, der Regierung und der Arbeitswelt –, basierend auf der neuen Struktur, die wir in unserem Inneren aufgebaut haben.

Und dann besteht immer noch die Möglichkeit, dass wir uns dazu berufen fühlen, an der Bewusstseinsveränderung bzw. -erweiterung zu arbeiten, sowohl für uns selbst als auch um Wege zu finden, andere dabei zu unterstützen, was das tatsächlich bedeuten könnte.

Und wenn deine Antwort lautet: „Ich fühle mich zu nichts berufen“. Dann frag dich: „Wann habe ich meine Kraft, meine Eigenverantwortung oder mein Gefühl der Selbstwirksamkeit an jemand anderen abgegeben?“ Oder noch besser: „Egal, wo ich es verloren haben mag: Wie kann ich dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit zurückgewinnen und wirklich spüren, dass niemand anderes für mich einstehen wird, wenn ich es nicht auch zuerst selbst tue?“

Es ist wichtig, für unsere Rechte und die Rechte anderer einzustehen – ganz gleich, in welcher Form wir uns dazu berufen fühlen. Es ist wichtig, bestimmte Grenzen zu setzen, ohne in einen Kampf- oder Verteidigungsmodus verfallen zu müssen. Wenn wir dieselbe defensive Energie, die wir in persönlichen 1:1-Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten zu jedem Thema einsetzen, in den globaleren Kampf einbringen, wird das langfristig nicht helfen.

Wenn wir jedoch lernen, unsere eigenen Grenzen besser wahrzunehmen und klar zu uns stehen – ohne uns für diese Haltung verteidigen zu müssen, aber auch ohne das Bedürfnis zu haben, andere davon zu überzeugen, sich uns anzuschließen –, können wir sowohl für uns selbst als auch für andere ein Fels in der Brandung sein. Und wenn viele Menschen auf ihre eigene Weise und mit ihren eigenen Methoden zu solchen Felsen der Brandung werden, könnte diese Struktur (wie auch immer sie sich entwickeln mag) die Lawine von verletzten Menschen, die andere verletzen, vielleicht aufhalten.

Fazit

So wie ich es sehe, haben beide Seiten Recht. Wir müssen aufstehen, und wir müssen auch die innere Arbeit leisten. Aber es geht darum, die Vorstellung von einem bestimmten Ergebnis loszulassen. Wir können nicht wissen, wohin uns die Welt führen wird. Aber wir werden nichts erreichen, wenn wir nicht erkennen, dass wir uns unseren tiefsten Ängsten stellen, unser eigenes klares Gefühl der Selbstwirksamkeit finden und aus unserer inneren Stärke heraus handeln müssen.

Nicht, um andere glücklich zu machen oder um nicht bestraft oder ausgegrenzt zu werden, sondern um fest in und aus der Kraft aufzutreten, die wir in uns spüren. Nicht, um Macht über jemanden auszuüben, sondern um einfach unsere eigene Kraft anzunehmen und in ihr zu sein, um jene Art von Schönheit in die Welt zu bringen, die aus uns herausströmt, wenn wir alles loslassen, was nicht wirklich ein Ausdruck unseres Selbst ist.

Das kann viele verschiedene Formen annehmen, und wir müssen nicht alles tun, sondern nur unseren Teil beitragen. Und das kann die Freude sein, der Nachbarin Essen zu bringen, ein Transparent oder ein Wandbild für den Frieden zu malen, einen Brief an einen Politiker zu schreiben, ein Haus zu bauen oder einen Garten zu pflegen. Entweder für sich selbst oder um jemanden in Not zu unterstützen. Denn solange wir nicht in die Falle der Selbstgefälligkeit tappen, könnte es in deinem persönlichen Fall der stärkste Widerstand sein, dich um deinen eigenen Körper, Geist und deine Seele zu kümmern und sie zu nähren.

Das Wichtigste ist meiner Ansicht nach, all das mit offenen Augen anzugehen. Uns nicht abzuschotten, weil wir nicht genug tun oder nicht das Richtige. Sondern zu erkennen, dass jeder von uns einen anderen Weg geht. Sowohl der strengste Kritiker als auch der einfühlsamste Freund für uns selbst zu sein und darauf zu vertrauen, dass, wenn viele von uns dies tun – zu unserem eigenen Zentrum, unserer Ruhe, Stärke und Kraft zurückkehren –, jeder von uns genau das richtige Puzzleteil beisteuern wird. Sie werden alle ein wenig anders aussehen. Aber sie werden alle gebraucht werden.

Und der erste Schritt auf diesem Weg kann so einfach (aber vielleicht nicht immer leicht) sein, wie für einen Moment aufzuhören, auf andere zu hören, durchzuatmen und der eigenen Stimme Raum zu geben. In der Natur zu sein – vielleicht einfach mit Baum verbinden, Fluss zuzuhören oder Blume zu betrachten – kann dabei helfen.

Vive la Resistance

Elisabeth Demeter

Wenn du das Gefühl hast, dass du es nicht alleine machen möchtest oder kannst, wende dich gerne an mich. Ich unterstütze Menschen, die sich verloren und hilflos fühlen, dabei, durch die Verbindung mit der Natur, Körperbewusstsein und einen systemischen Ansatz ihre innere Stimme wiederzufinden und ihr zu folgen. Wenn das mit dir resoniert, melde dich bei mir (), und wir schauen gemeinsam, ob ich dich in irgendeiner Weise unterstützen kann – entweder selbst oder indem ich dich an jemanden weiterverweise, der besser zu dir passt.

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