„Es braucht mehr starke Frauen-zeigt euch“. Das oder so ähnlich war ein Beitrag auf Threads von Maxim Mankevich vor einiger Zeit. Eigentlich mit guter Intention, Frauen unterstützen zu wollen. Sollte man(n) meinen. Und ja, es war definitiv gut gemeint, und dennoch treten auch hier immer mehr Nuancen auf.
Einige der Kommentare haben mich wieder daran erinnert, dass wir als Frauen nicht wie Männer sein müssen um stark zu sein oder Stärke zu zeigen. Es war nicht das erste Mal, dass ich diese Perspektive gehört habe, und es tut mir als Frau sehr gut, sie zu hören. Auch wenn es mir oft nicht so klar ist, was das konkret eigentlich bedeutet. Es hat mich aber zu einer weiteren Forschungsreise in dieses Thema inspiriert.
Definitionen und Freiheiten
Bevor ich tiefer eintauche in die Frage, wie wir wieder lernen können, was es bedeutet, Frau zu sein, mache ich einen kurzen Exkurs, um den Rahmen zu setzen. Denn wir alle – egal mit wechem oder mit wie vielen Geschlechtern wir uns identifizieren mögen – sind im Grunde in einer globalen Identiätskrise. Rollenbilder fallen weg, neue werden getestet und wieder verworfen. Wir versuchen, uns in Definitionen von „Mann“, „Frau“, oder auch diversen anderen Bezeichnungen wiederzufinden. Und wenn uns das in den bestehenden Definitionen nicht gelingt, versuchen wir, sie neu zu definieren oder suchen nach völlig neuen Bezeichnungen.
Diese Definitionen geben uns Halt. Sie ermöglichen es uns, durch die Hilfe anderer, die uns ähnlich sind, unser inneres System, wie wir denken, handeln und fühlen und warum wir das tun, besser zu verstehen. Vielleicht geht es dabei um biologische oder aber um kulturelle oder sozialisierte Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten. Die Kriterien sind dabei oft schwer zu abzugrenzen.
So sehr uns eine Definition, wer wir sind, und eine daraus abgeleitete Erklärung, wie wir funktionieren, helfen kann, uns besser zu verstehen, kann sie genauso sehr im Weg stehen und uns einengen. Vor allem wenn wir im Prozess des Zugehörigkeit-findens in Muster der Überanpassung rutschen. Denn es bleibt immer die Restfrage: Ist mein Denken, Handeln und Fühlen auf Basis meiner Zugehörigkeit (zum Mann/Frau/sonstiges sein) oder ist sie ein individueller Ausdruck dessen, wer ich bin, unabhängig von meiner Zugehörigkeit?
Frau sein
Es braucht also einen Blick auf die Definition der Frau. Da sich gerade in der aktuellen Zeit viele Menschen mit dieser Frage auseinander setzen, und die ärgsten Diskussionen, Trennungen und Verletzungen dadurch passieren, möchte ich einen verbindenden Definitionsversuch wagen.
Unabhängig davon, ob wir nun biologisch betrachtet klare und manchmal auch nicht so klare Unterscheidungen treffen können, hängt für mich das Frau sein auch stark mit generationenübergreifender Sozialisation zusammen. Und somit auch den dazugehörigen generationsübergreifenden Traumata und Erlebnissen, die immer wieder passiert sind.
Ich möchte hier daher das Wort „Frau“ in der Form definieren, dass es sich um als Frauen sozialisierte und/oder biologisch als weiblich geborene Menschen handelt, wenn ich dieses Wort in diesem Beitrag nutze.
Diese Definition soll vor allem hilfreich sein, damit wir und zuerst damit identifizieren können (oder eben auch nicht), um genauer hinzuschauen was in uns an Verletzungen, Bedürfnissen und Wünschen da ist, um dann wieder zum Individuum zurückkehren zu können und zu sagen: „ja, das stimmt, das ist so bei mir wie bei vielen anderen, aber hier unterscheide ich mich trotzdem.“ Denn erst im Kontrast können wir erkennen, wer wir sind und wer wir nicht sind.
Trennung und Verbindung
Wenn ich mit einer Gruppe für eine Zeit lang draußen im Wald lebe, ergibt es sich immer wieder, dass ein Wunsch nach einem Frauen- und Männerkreis aufkommt. Und dann ist es klar, dass ich bei der einen Gruppe dabei bin und bei der anderen nicht. Natürlich bin ich jedes Mal unheimlich neugierig, was in den Männerkreisen geteilt wird. Und wenn ich ehrlich bin, macht dieses nicht wissen mir auch schnell mal Angst. Aber es ist auch okay, etwas nicht zu wissen, und irgendwo auch nicht dazuzugehören. Wichtig ist viel mehr, dass es auch Kreise gibt, wo wir wieder alle gemeinsam sind, und auch die Dinge teilen, die uns verbinden.
Denn es gibt Unterschiede. Und es ist wichtig, darüber zu reden, und sich mit all jenen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten, die uns verbinden. Und erst wenn wir beides annehmen können und gleichzeitig da sein lassen können, kann der (innere und äußere) Kampf aufhören.
Beziehungen heilen
Vor allem im Kontext einer heterosexuellen Beziehung ist es wichtig, sich mit dieser Frage auseinander zu setzen. Es kann uns dabei helfen, gewisse Dynamiken von generationalem Trauma zu erkennen um besser zu lernen, damit umzugehen, einander besser zu verstehen, und auch gewisse Muster aufzulösen und Wunden zu heilen.
Dann können wir etwa als Frauen lernen, wie wir damit umgehen, dass wir uns nicht mehr einer höheren Macht (der Männer) untergeben müssen, und wir daher auch nicht mehr manipulieren müssen, um zu überleben. Wir können auch lernen, dass wir die Machtdynamik nicht einfach umkehren müssen und die gleichen Techniken und Strategien anwenden müssen wie Männer es getan haben.
In weiterer Folge können wir dann nämlich auch herausfinden, wie wir diesen Krieg zwischen Mann und Frau beenden können, indem wir erkennen, dass wir einander brauchen. Dass wir gewisse Dinge gut können, und andere eben nicht. Und auch Männer dürfen erkennen, dass sie keine Macht über uns ausüben müssen, weil wir (wenn wir aufhören zu glauben, uns verteidigen zu müssen) keine Gefahr für sie darstellen.
Solange wir also nicht anerkennen, dass wir uns unterscheiden, und dadurch in diese scheinbare Trennung gehen, haben wir keine Möglichkeit zu erkennen und zu erleben, dass wir im Kern, im größeren Ganzen trotzdem untrennbar verbunden sind, gegenseitig voneinander abhängig, und dadurch erst richtig frei.
