Wie wir Armut anders betrachten und neu definieren können
Auch wenn ich es als Kind manchmal glaubte, war ich nie wirklich finanziell arm. Dadurch hatte ich auch das Privileg, eine umfangreiche Ausbildung zu genießen. Dass ich aber in anderen Bereich verarmt war, hatte ich lange Zeit gar nicht begriffen. Erst schön langsam erkenne ich die unterschiedlichen Gesichter und Formen von Armut, und was sie für Auswirkungen haben. Und dass das Fehlen von etwas und das Haben von etwas anderem nicht automatisch das GefühI auslöst, arm oder reich zu sein.
Aus der finanziellen Armut
Alle meine Großeltern kamen – was ich aus Geschichten weiß – aus eher ärmlichen Verhältnissen. Durch viel Eigeninitiative, guten Entscheidungen und sicher auch Hilfe von anderen und einer Prise Glück, haben sie es geschafft, einen gewissen mittelständischen Wohlstand aufzubauen. Der Aufschwung der 60er, 70er und 80er tat ihr übriges.
Dadurch bin ich ohne jegliche Angst aufgewachsen, das Dach über meinem Kopf zu verlieren oder zu wenig zu Essen oder zu wenig Kleidung zu haben. Und dennoch dachte ich manchmal als Kind, dass meine Familie arm ist. Mein Bruder und ich bekamen weniger Taschengeld als die meisten unserer Freunde, und meine Eltern kauften mir nicht einfach alles was ich wollte. Meine kindliche Logik schloss daraus, dass sie nicht genug hatten. Erst als Erwachsene konnte ich sehen, dass sie mir lediglich den Wert des Geldes beigebracht hatten. Das Gegenteil kann auch passieren, dass Kinder in eher ärmlichen Verhältnissen aufwachsen, aber nie wirklich das Gefühl haben, arm zu sein.
Viel später, als ich auch für kurze finanzielle Knappheit erlebt habe, konnte ich erkennen, dass finanzielle Reichtum vor Allem mehr Entscheidungsfreiheiten liefert. Geld zu haben bringt aber auch zusätzliche Belastungen mit sich, und kann dadurch schnell auch wieder die scheinbare Freiheit entziehen.
Bildungsarmut und Bildungsreichtum
Durch die finanzielle Sicherheit hatte ich die Möglichkeit, studieren zu gehen und mich viele Jahre meiner Jugend und jungen Erwachsenen Zeit nur um den Aufbau von Wissen zu kümmern. Ich hatte nach Abschluss meines Masterstudiums jede Menge Wissen, aber so gut wie keine Erfahrung.
Auch hier durfte ich erkennen, dass es nicht nur eine Perspektive gibt. Es war einerseits ein unglaubliches Geschenk und auch sehr wertvoll, so viel Zeit und Raum zu haben, Wissen darüber zu sammeln wie Dinge funktionieren und wie sie mit anderen Dingen zusammenhängen. Andererseits fehlte aber bei so vielen Themen die praktische Erfahrung, um all das Wissen sinnvoll einzuordnen und zu nutzen.
Die Erfahrung kam zwar natürlich teilweise später, aber bis dahin hatte ich viel von dem gelernten Wissens längst vergessen. Dadurch fühlt es sich manchmal so an, als hätte ich bei all dem Wissensaufbau wertvolle Zeit vergeudet, tiefgreifend wichtige Erfahrungen fürs Leben zu machen.
Erfahrungsarmut
Das Wort „Erfahrung“ ist normalerweise neutral, manchmal sogar positiv behaftet. Es gibt aber natürlich sowohl Erfahrungen, die wir als positiv, als auch welche, die wir als negativ bewerten. Was alle Erfahrungen aber gemeinsam haben ist, dass wir weniger denken und mehr handeln. Unser ganzer Körper erlebt etwas, und wir lernen (bewusst oder unbewusst), Entscheidungen in echten, realen Situationen zu treffen.
Im Grunde können wir, solange wir in unserem menschlichen Körper sind, nicht keine Erfahrungen sammeln. Auch den ganzen Tag auf einem Sessel zu sitzen und zuzuhören oder auf einer Tastatur zu schreiben sind Erfahrungen. Selbst wenn wir mit einer Brille in eine virtuelle Realität abtauchen, ist es eine Form der körperlichen Erfahrung (wenn auch etwas verzerrt).
Erleben wir jedoch immer etwas sehr ähnliches, mit kaum Veränderungen im Umfeld, wo auch wir mit unserem Körper immer die gleichen Bewegungen und Handgriffe machen und auch immer die gleichen Entscheidungen treffen, landen wir in einer Erfahrungsarmut. Dann kommen und gehen die Jahre, und alles verschmilzt irgendwie in der Erinnerung.
Diese Armut kenne ich gut, und habe aber auch schon viel daran gearbeitet, vor allem mit all meinen Erlebnissen in der Natur, den Teufelskreis der Erfahrungsarmut und der damit einhergehenden immer stärker werdenden Angst, neue Erfahrungen zu machen, zu durch brechen. Auch wenn es nicht immer leicht war.
Emotionale Armut und Vernachlässigung
Der Verlust der Verbindung zu unseren Gefühlen und Emotionen ist eine Armut, die lange gebraucht hat, für mich sichtbar zu werden. Erst durch Bücher, die emotionale Vernachlässigung erklären, wie etwa „Running on Empty“ von Jonice Webb, bekam ich einen Einblick in all das, was ich in meiner Kindheit und auch später noch lange Zeit nicht hatte.
In meinem Fall geht diese Form der Armut mehrere Generationen zurück und es brauchte viel Zeit, Geduld und Energie, um aus dieser Trennung und den falsch geknüpften Verbindungen meine Gefühle und Emotionen wieder wahrzunehmen und sie passend mit meinen Körperempfindungen zu verknüpfen.
Oft ertappe ich mich dabei bei dem Gedanken, dass diese Form der Armut doch nicht so schlimm ist. Weil ich habe ja auch ohne diese Verbindung zu meinen Gefühlen und Emotionen gut funktioniert und war von außen betrachtet erfolgreich und es passte doch alles.
Diese Gedanken sind aber auch nur ein Schutzmechanismus für mich, die Leere nicht spüren zu müssen, die sowohl mit der emotionalen Armut, als auch mit der Verbindungsarmut einhergehen.
Verbindungsarmut
Als Menschen sind wir immer Teil von etwas Größerem als uns Selbst. Wir sind Teil unserer Familie, unserer Gemeinschaft/Nachbarschaft und möglicherweise unserer Freundschaften, Arbeitsplätze und wo wir sonst noch mit anderen Menschen interagieren. Außerdem sind wir Teil des Ökosystems in dem wir leben, das wiederum Teil eines größeren Systems ist.
Dennoch gibt es ganz viele von uns, die sich zu unterschiedlichen Zeiten in ihrem Leben einsam, nicht gewollt, nicht gebraucht oder ausgestoßen fühlen. Erst als ich es auch nur ansatzweise erleben durfte, wie es sich anfühlen kann, wirklich mit Allem und Allen um mich herum zutiefst verbunden zu sein (unabhängig davon, ob ich Teile davon nicht so gern hatte oder eben schon), konnte ich erkennen, in welcher Verbindungsarmut ich davor so lange gelebt hatte.
Durch dieses bewusste Erleben von Verbundenheit kam eine Ebene an Reichtum in mein Leben, den ich mir davor nie hätte erträumen können.
Seelische Armut
Die seelische Armut ist stark verbunden mit der emotionalen und der Verbindungsarmut. Und dennoch ist sie nochmals ein bisschen etwas anderes. Wenn wir Dinge tun, die uns Freude bereiten, die uns erfüllen, oder wo wir Verbindungen zu jemandem, etwas, oder einer Tätigkeit aufbauen, nähren wir damit unsere Seele.
Haben oder nehmen wir uns aber nicht die Zeit dazu, verhungert unsere Seele und dadurch unsere Lebensfreude und die Energie, die wir brauchen unser Leben auf lebendige Art und Weise zu leben. Dann existieren wir vielleicht, aber es fehlt uns das innere Strahlen und das innere Feuer, das uns und andere um uns herum wärmt.
Zeitarmut
Im Grunde haben wir alle die gleiche Zeit und dürften daher so etwas wie Zeitarmut gar nicht haben. Für jeden von uns gibt es objektiv betrachtet 24 Stunden, oder andere Zeiteinheiten, die einen Zyklus einer Drehung der Erde um ihre eigene Achse darstellen. Und für jeden von uns gibt es – solange wir auf dieser Erde leben – ein Jahr, oder den Zeitraum, den es braucht, bis die Erde einmal einen Kreis um die Sonne gemacht hat.
Und dennoch empfinden wir häufig Zeitarmut.
Es kann damit verbunden sein, dass wir der finanziellen Armut entfliehen oder nicht oder nicht mehr hineinfallen wollen. Oder wir stecken viel Zeit in den Verbindungsaufbau mit unseren Kindern, und dann bleibt für alles andere nicht viel übrig.
Die Zeit und was wir mit unserer Zeit auf dieser Erde machen ist aber vor allem ein Zeichen unserer Prioritäten, und welcher Art von Armut wir entfliehen wollen.
Was bedeutet Armut?
Am Beispiel der Zeitarmut ist es möglicherweise am Einfachsten zu erkennen, dass im Grunde jegliche Form der Armut zumindest zwei Ebenen hat:
- Die Wahrnehmung von „zu wenig“ und „zu viel“ im Vergleich mit anderen
- Die Auswirkungen, wenn wir uns zu sehr auf das eine oder andere konzentrieren
Armut ist also immer ein Zeichen der fehlenden Balance. Sowohl in uns selbst, als auch in der Gesellschaft und der ganzen Welt. Es bedeutet nicht, dass wir ganz genau gleich viel von all diesen Aspekten brauchen, sondern dass es auf die jeweiligen Situationen angepasst werden muss.
Jemand, der eigene Kinder hat, hat vielleicht weniger Zeit und weniger Geld übrig dafür aber einen Reichtum an Verbindung und ist seelisch gut genährt. Jemand mit viel Geld erlebt möglicherweise Erfahrungs- und Verbindungsarmut und gibt gerne von seinem finanziellen Reichtum ab, um Teil einer Familie zu sein. Und jemand der sein Leben der Verbindung und dem seelischen und spirituellen Reichtum gewidmet hat, kann in diesem System auch genau dies einbringen, um in den Bereichen, wo er oder sie weniger hat zu empfangen.
Die Medizin gegen Armut
Was dieses Beispiel zeigt ist, dass wir erst dann in wahrer Armut sind, wenn wir uns nicht in Familien und Gemeinschaften zusammentun, um gegenseitig davon zu geben, wo wir viel haben, und dort zu empfangen, wo wenig da ist. Dies kann auch Kulturen- und Länderübergreifend betrachtet werden. Denn wir müssen erkennen, dass niemand in dieser Welt auf allen Ebenen arm oder auf allen Ebenen reich ist.
Und sobald wir wahrlich erkennen, dass wir miteinander verbunden sind und nur gemeinsam wirklich stark sein können, und erkennen, dass wir sowohl lernen müssen, zu geben, als auch, zu empfangen, können wir erkennen, dass wir erst durch diese Wechselbeziehung, diese gegenseitige „Abhängigkeit“ auf Augenhöhe (im Vergleich zur ungesunder Co-Abhängigkeit) wirklich erfüllt und ganz und verbunden sind.
