Wenn ich davon rede, dass ich oft den Raum halte, gibt es viele Menschen, die gar nicht wissen, was ich damit eigentlich meine. Sie denken vielleicht sogar, dass das nur wieder esoterisches Blabla ist. Aber je feiner man in der Wahrnehmung von sich selbst, aber auch von Stimmungen im Raum wird, umso mehr versteht man, worum es geht, wenn jemand von „Raum halten“ redet.
Was ist „Raum halten“ eigentlich?
Ich kann es am Besten damit beschreiben, den Fokus zu halten und darauf zu achten, wo Menschen gerade stehen, was evtl. gerade benötigt wird, und wie die Stimmung oder Energie im Miteinander gerade ist.
Das kann etwa sein, den Fokus bei einer Besprechung zu halten und darauf aufmerksam zu machen, wenn zu weit vom Thema abgeglitten oder die geplante Zeit nicht eingehalten wird. Es kann auch bedeuten, darauf zu achten und es anzusprechen, wenn eine Diskussion aus dem sachlichen Feld austritt, und zu einem emotionalen Kampf der verletzten Kinder wird. Raum halten beinhaltet aber auch, einfach „nur“ am Rand zu sitzen und die eigenen Kinder am Spielplatz oder sonst wo zu beobachten und eingreifen zu können, wenn etwas passiert.
Im Zusammenhang eines meiner Wildnisprogramme bedeutet es für mich, genau darauf zu achten, was die Menschen in der Gruppe brauchen, sowohl auf körperlicher, als auch auf emotionaler oder geistiger Ebene.
Den eigenen Raum halten
Unabhängig von einer speziellen Rolle in Gruppen ist es aber auch sowohl möglich als auch wichtig, den eigenen Raum zu halten.
Das beinhaltet dann das achten auf die eigenen Emotionen und emotionale Stimmung, und einzuschreiten, wenn wir merken, dass wir gerade nicht der Situation angepasst reagieren. Es bedeutet, sowohl in Gesprächen mit anderen als auch in unserem inneren Dialog den Fokus zu halten und zu erkennen, wo wir uns davon entfernen worum es eigentlich gerade geht. Und es inkludiert das Erkennen, wenn wir irgendwo überfordert sind oder über unsere Grenzen gegangen sind, und entsprechend sich darum zu kümmern, wieder in ein inneres Gleichgewicht zu kommen.
Je mehr wir also schaffen, für uns selbst unseren eigenen Raum zu halten, desto angenehmer wird es für die Menschen um uns herum.
Wenn wir unseren Raum fallen lassen
Wenn wir unseren Raum jedoch nicht halten, schwappt fast unweigerlich diese Aufgabe auf andere über. Dann entsteht ein meist unausgesprochener und nicht transparent von beiden Seiten zugestimmter Vertrag. Es ist, als würden wir beide ein Paket halten, und plötzlich, ohne etwas zu sagen, lädt der eine das Paket beim anderen ab. Und der kann dann (meist unbewusst) entscheiden, ob er das Paket des anderen mit trägt oder nicht.
Da dies aber ohne klare Abstimmung passiert, schwingt immer ein ungutes Gefühl mit. Dann schwirren vielleicht Fragen herum wie „Kann er gerade nicht oder ist er einfach nur faul?“ oder „wie lang soll ich das jetzt halten?“ oder auch „Ist ihr eigentlich gerade klar, dass sie ihr Paket bei mir ablädt?“
All das braucht zusätzlich Energie, und ist aber nicht nötig.
Wenn klar kommuniziert wird
Manchmal sind wir in Situationen, wo es uns teilweise oder sogar vollständig unmöglich ist oder scheint, unseren eigenen Raum zu halten. Dann müssen wir unser Paket irgendwo bei jemand anderem ablegen. In diesen Situationen ist es aber wichtig, klar zu kommunizieren (wenn das noch möglich ist), dass man es gerade braucht, dass der andere den Raum für einen (mit-)hält, weil man es selbst nicht schafft. Das beinhaltet, das auch klar zu kommunizieren, um welchen Zeitraum es sich handelt. Am Besten man checkt auch noch ab bei der anderen, ob sie das überhaupt gerade zusätzlich noch halten kann oder will.
Dies kann auch grundsätzlich nonverbal passieren. Wenn etwa jemand in einem Schockzustand gefangen ist, erkennen wir möglicherweise schon an der Körperhaltung oder dem verhalten, dass dieser Mensch gerade jemanden braucht, um ihr den Raum zu halten. Aber auch hier ist es ein beidseitig eingegangener Vertrag, da wir als Raumhalter selbst entscheiden, ob wir uns um diese Person kümmern oder nicht.
Wenn Raum halten übergriffig wird
Für viele Menschen ist das Raum halten eine sehr ehrenwerte Aufgabe. Es ist unterstützend und kann dadurch automatisch nie falsch sein, oder?
Was ist in Situationen, wo wir herausgefordert sind, und früher vielleicht Hilfe gebraucht haben, aber inzwischen bereits stark genug sind, wenn auch noch etwas unsicher? Dann kann ein Raum halten eines anderen auch übergriffig sein, und dem anderen kommunizieren, dass wir nicht glauben, dass er es alleine schafft.
Ein schönes Beispiel dafür ist, wenn ein kleines Kind stolpert und fällt, und Erwachsene sofort hinstürzen, noch bevor klar ist, ob es sich überhaupt weh getan hat oder wie schlimm es eigentlich ist. Es ist ein zu Hilfe eilen, noch bevor klar ist, ob der andere Hilfe braucht.
Auch als Erwachsene passiert das ständig. Etwa wenn wir in einem Gespräch von jemandem beleidigt werden, und eine Dritte schreitet ein und sagt, dass das unfair oder gemein war. Dabei nimmt sie uns die Möglichkeit, für uns selbst einzustehen und kommuniziert uns gleichzeitig, dass sie nicht glaubt, dass wir das selbst tun können.
Die Meta- Ebene des Raumhaltens
Im Grunde führt auch die Problematik der Übergriffigkeit wieder zu uns zurück, und dazu, dass wir vor allem dafür verantwortlich sind, unseren eigenen Raum zu halten. Dann erkennen wir nämlich auch, wann wir aus einem emotionalen Bedürfnis oder einer emotionalen Wunde heraus glauben, für andere den Raum mithalten zu müssen, obwohl es eigentlich um uns selbst geht.
Und in den wenigen Fällen, wo es tatsächlich notwendig ist, für jemand anderen oder eine Gruppe den Raum mitzuhalten, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Rahmenbedingungen klar sein müssen (z.B. der konkrete Zeitraum, Kontext, etc.), dass alle Beteiligten bewusst und transparent zustimmen konnten, und dass es allen bewusst ist, dass es im Grunde immer zum Ziel hat, dass die Person(en), für die der Raum gehalten wird, wieder an den Punkt kommen, wo sie ihren Raum wieder selbst halten können.
Ein stetiger Lernprozess
All dies kann eine ziemliche Herausforderung sein, vor allem weil wir in der westlichen Welt sehr häufig gelernt haben, unsere Verantwortung abzugeben, und auch nie wirklich gelernt haben, bewusst unseren Raum zu halten.
Es ist also sowohl für uns selbst, als auch im Setting mit einer oder auch mit mehreren Menschen ein stetiger Lernprozess, wie wir es üben können, in den unterschiedlichsten Situationen den Raum zu halten, zu erkennen, wenn wir es nicht mehr tun, und zu erkennen, wenn wir es für andere tun, die gar nicht danach gefragt haben, oder nicht brauchen, aber vielleicht aus Bequemlichkeit bei uns abladen.
