Produktivität neu definieren

Als Kind und in meinem früheren Erwachsenenleben habe ich gelernt, dass man immer beschäftigt sein und etwas Produktives tun sollte. Wenn wir was tun, zeigen wir, dass wir ein wertvoller Teil der Gesellschaft sind. Wir verdienen uns unseren Platz in der Welt, indem wir mit sinnvollen Aufgaben beschäftigt sind und etwas beitragen. Oder?

Im Laufe der Jahre hatte ich angefangen, diesen Aspekt in Frage zu stellen, dass ich etwas tun muss, um mir meinen Platz in der Welt zu „verdienen“. Dass ich nur etwas wert bin, wenn ich einen Beitrag leiste. Sowohl im Mikrobereich der Familie und des Freundeskreises als auch im Makrobereich der Gesellschaft. Es ist ein ständiger Prozess, in dem ich meine Gedanken dazu beobachte und nach und nach meine Handlungen ändere. Aber darum geht es heute gar nicht.

Definition von Produktivität

Was ich erst vor kurzem erkannt habe und immer noch oft vergesse, ist zu hinterfragen, was ich überhaupt als produktiv ansehe. Ist es produktiv, sich die Zeit zu nehmen, eine frische Mahlzeit zu kochen? Ist es produktiv, sehr langsam und umständlich zu handwerken? Ist es produktiv, aus dem Fenster zu starren und meine Gedanken schweifen zu lassen? – Nun, all diese Tätigkeiten habe ich bisher als unproduktiv eingestuft und bin dabei, das jetzt zu ändern. Und zwar nicht nur auf kognitiver Ebene.

Eine frisch gekochte Mahlzeit zu essen, hilft meinem Körper, besser zu funktionieren, und das Kochen entspannt mich. Auch das Handarbeiten und der Blick aus dem Fenster entspannen mich und bringen mir Freude. Dadurch hab ich auch wieder mehr Energie für andere Dinge. Ich denke also, das ist alles „gut“ und darf daher als produktiv definiert werden.

Aber was ist mit dem Ansehen von Filmen oder Fernsehserien? Speziell die, die oberflächlich sind. Und die man schon so oft gesehen hat, dass man die Dialoge der Figuren schon fast mitsprechen kann? Ja, das entspannt auch. Aber es lenkt mich auch ab und trennt mich von meinen Gefühlen. Und ja, ich kann mir einreden, dass ich damit verschiedene Arten des Geschichtenerzählens analysiere, aber tue ich das wirklich?

Damit sind wir wieder bei der Frage angelangt: Wie können wir Produktivität (neu) definieren? Es geht nicht nur darum, neu zu definieren, was produktiv ist und was nicht. Es geht auch um die Frage, was wir überhaupt unter produktiv verstehen.

Was ist produktiv?

Ich interpretiere das Wort so, dass wir produktiv sind, wenn wir etwas tun bzw. etwas produzieren. Wenn etwas aus unseren Handlungen resultiert. Ein Ergebnis, das eine positive oder konstruktive Konnotation hat, anstatt zerstörerisch zu sein. Aber ist ein Abrissunternehmen nicht produktiv, wenn es ein Haus abreißt? Oder gibt uns das Verbrennen von Holz nicht Wärme und alle möglichen anderen Dinge, während es das Holz zerstört? Ist also die ganze Frage des zerstörerischen Verhaltens nicht nur eine Frage des Standpunkts? Wenn ich ein Glaubenssystem zerstöre und ein neues aufbaue, ist die Zerstörung dann nicht nur der erste produktive Schritt?

Und wenn wir es so sehen, können wir irgendwie nicht nicht denken. Wir können nicht nicht tun. Und wir können nicht unproduktiv sein. Wir wissen nur nicht, was wir im Moment produzieren. Und es liegt in unserer Hand, etwas, was wir getan haben, oder was dabei herausgekommen ist, als „gut“ oder „schlecht“ zu beurteilen.

Produktivität und Business

Sogar wenn es um meine Selbständigkeit geht, muss ich das so sehen. Es gibt immer noch einen großen Teil in mir, der mich verurteilt, wenn ich nicht ständig beschäftigt bin und nicht etwas „Produktives“ für mein Unternehmen tue. Oder – genauer gesagt – für alle meine verschiedenen Unternehmen/Projekte. Wie kann ich erfolgreich sein oder in meiner Arbeit oder in der Gesellschaft insgesamt respektiert werden, wenn ich nicht wirklich etwas vorweisen kann, was meine Arbeit betrifft?

Nun, auch im Geschäftsleben schlage ich vor, die Produktivität zu hinterfragen. Ist es wirklich immer besser und produktiver, mehr zu tun? Nach den äußeren Maßstäben von mehr Mitarbeitern, mehr Kunden, mehr Umsatz, zu wachsen? Gary Vaynerchuck erinnert uns immer wieder daran, dass es nur ums glücklich sein geht. Wäre dann nicht alles, was das glücklich sein fördert, etwas Produktives?

Produktivität, Ziele und Werte

Ich sehe meine Aufgabe im Leben darin, Räume zu schaffen, in denen Menschen sein können, ohne etwas tun zu müssen. Um den Kern dessen, wer wir sind, zu umarmen, uns selbst zu lieben und zu heilen. Und dadurch, ohne es wirklich anzustreben, ein freier Mensch zu werden. Bis jetzt hatte ich auch etwas wie „heilen, damit wir unser volles Potenzial leben und unsere Bestimmung erfüllen können“ hingefügt. Aber jetzt erkenne ich den Schwachsinn, der darin steckt. Denn es drängt wieder nur dazu, irgendein Ziel zu erreichen, weil jemand das als den idealen Zustand definiert hat, für den wir wachsen sollen.

Als freier Mensch dürfen wir alles tun. Sogar jeden Tag den ganzen Tag rumsitzen und nichts tun. Der Unterschied zu anderen Menschen, die herumsitzen und nichts tun, besteht darin, dass ein freier Mensch nicht in Gedankenspielen, Schuldzuweisungen oder Urteilen gefangen ist oder sich davon ablenkt, die eigenen Gefühle zu fühlen.

Wenn wir uns Ziele setzen, bleiben wir darin gefangen, nur bestimmte Dinge als produktiv zu definieren und uns selbst zu verurteilen, wenn wir etwas tun, das nicht diesem Ziel entspricht. Werte hingegen ermöglichen es uns, uns auf die Richtung zu konzentrieren, die wir einschlagen wollen. Wonach wir streben und WIE wir es erreichen wollen. Und wir können immer noch eine übergeordnete Vision und Mission haben, die unser Handeln und unsere Entscheidungsfindung leitet. Aber immer in Verbindung mit unseren Werten. Auf diese Weise haben wir unsere Werte, die uns (hoffentlich) davor bewahren, in Produktivitätsfallen zu tappen, und haben gleichzeitig eine Richtung, auf die wir hinarbeiten können.

Was also tun mit der Produktivität?

Das sind alles wirklich interessante Punkte, über die wir nachdenken können. Aber wie kann uns das helfen, eine gute Richtung im Leben zu finden? Nun, ich schlage vor, das Etikett völlig loszulassen. Nicht nach einem Gleichgewicht von produktiven und unproduktiven Dingen zu streben, sondern unser Handeln an unseren Werten auszurichten. Es geht nicht um die Frage, ob wir produktiv sind oder nicht, sondern um Freude und Erfüllung. Es wird immer noch Momente geben, in denen wir einfach etwas tun müssen, das uns im Moment vielleicht keine Freude oder Erfüllung bringt, von dem wir aber wissen, dass es ein wichtiger Schritt in Richtung unserer Lebensaufgabe ist. Aber im Großen und Ganzen werden wir nicht danach urteilen, ob es produktiv war, sondern ob es uns Spaß gemacht hat, ob es mit unseren Werten übereinstimmt oder ob wir danach tiefe Befriedigung oder Erfüllung empfunden haben.

Reflexion

Was ist bei dir in Resonanz gegangen? Wo hast du Widerstände festgestellt? Wo bist du anderer Meinung oder hast etwas zu ergänzen? Was nimmst du dir von den Worten mit, die du gerade gelesen hast? – Ich bin voll interessiert, was du darüber denkst. Um neue Perspektiven kennenzulernen und einen Diskurs zu führen, sag mir bitte deine Meinung in den Kommentaren oder melde dich für meinen Newsletter an, damit wir direkter in Kontakt treten können.

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